Altlasten

14. Oktober 2006

Gerade kriege ichmal wieder nichts von dem erledigt was ich erledigen möchte. Wenn ich meinem Körper glauben darf, starte ich in PMS, 20 Tage nach dem Beginn der letzten Blutung was dann auf einen (verdammt kurzen) Zyklus von 21 bis 24 Tagen oder so rauslaufen könnte, falls mir nicht einfach nur so speiübel ist.

Statt also etwas „Vernünftiges“ zu tun habe ich einen großen Karton geöffnet, den ich auch als „Kiste des Grauens“ bezeichne, weil da allerlei liegt womit ich mich nicht befassen will. Wenn mir aber eh schon schlecht ist und ich mich cranky fühle… ich hasse Hormone.

(Und ehe ich jetzt weiterschreibe hole ich mir ein Dolormin für Frauen…)

Natürlich fällt mir auch prompt etwas in die Hand was ich nicht sehen will, aber egal, da muß ich jetzt durch. Ein Notizbuch, in dem ich angefangen hatte Notizen einer Urlaubsreise aufzuschreiben, genauer im September 2001, als ich den letzten Urlaub mit meinem Ex machte, wohl wissend, dass mein Leben und meine Ehe mit ihm nicht weitergehen konnten, weitergehen würden.

Fast bin ich froh, dass ich die sinnlosen Unterhaltungen mit ihm nur kurz umrissen habe.

„Gespräche“, X über „letzten“ Urlaub, Sport, Surfen, das Leben das mit 32 noch nicht zu Ende ist. Y. greift das auf und münzt es (zu Recht) auf mich.

oder

Tränenreiche Unterhaltung mit X. Über unsere Ehe, „Schuld“, wie es weitergeht, warum ich plötzlich nicht mehr „mit ihm alt werden“ möchte. Ergebnis nicht befriedigend. Klärungsbedarf.

Aber auch aus dem Anfang der Einträge:

Im Flugzeug. Unerwartete heftige Turbulenzen bei klarem Wetter, irgendwo über Frankreich. Massive Panikattacke mit der Erkenntnis: Suizidgefahr ist vorerst durch. Ich will verzweifelt leben! Leben -weiterleben – mit Y.
Denke an IRC-Gespräch mit P: ich wurde in die mit ‘LIFE’ beschriftete Steckdose gestöpselt – und ich will mehr.

Die meisten der Notizen beziehen sich auf das Wetter, darauf, wo wir essen oder einkaufen waren, auf kleine Beobachtungen die mir wichtig waren, alles nur Telegrammstil, was für mich eher untypisch ist. Ich denke mir, mein Kopf war zu der Zeit einfach mit zu viel anderem beschäftigt.

Strandtag. Spazierganghinter dem Tres Islas, kleine Auswaschungen, sinterterrassenartig. Tiefe Tümpel, Babyfische, Babygarnelen. „Düsvögel“. Zwei Liegen im FKK-Bereich hinter Oliva Beach, sehr bequem. Meer fast wellenfrei, Luft fast windstill. Mehr oder weniger im Schatten (ich), mehr oder weniger verbrannt. Abends: Chorizo.

und

Glücksmomente. Nackt im Atlantik.

Komisch sich selbst so im Rückblick zu sehen.

Interessanterweise habe ich da, wo die Notizen abbrechen – und es fehlt irgendwie fast alles was mir heute noch aus diesem Urlaub durch den Kopf geht – ein Zitat aus einem Buch abgeschrieben, das ich zu diesem Zeitpunkt wohl gelesen habe. Nicht zufällig fasst es das zusammen, was letzten Endes meine Entscheidung gegen das Leben mit X., gegen das Amlebenlassen der alten gewohnten Verhältnisse, für den Sprung ins Unbekannte hat ausfallen lassen.

… Menschen die Folgen ihrer Passivität und Trägheit viel mehr bedauern als Mißerfolge, die sich daraus ergeben, daß sie bestimmte Risiken eingegangen sind. Im Falle eines Mißerfolges ist der Preis des Handelns zwar hoch, doch viel höher ist der Preis des Nichthandelns. Bevor man es übehaupt merkt, ist das Leben schon vorbei.“

– Mandy Aftel, Der Roman unseres Lebens

Und damit werde ich diese bruchstückhaften Notizen vernichten, denn alles was dort steht und wichtig war, steht auch hier.

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